Sherlock Holmes

El Vespertilio
Zurück, endlich...

...aber, der Film ist durchaus sehenswert. Kein typischer Guy Ritchie. Kein Gangsterfilm. Aber ein wohlgelungener "Abenteuerfilm". Diverse augenzwinkernde Anleihen an James Bond, Indiana Jones und Konsorten. Runde Handlung, der ein oder andere markige Spruch. Sehr abgeklärte Optik, kein victorianischesches - gothic Rumgefimmel, aber ein wenig "Steampunk/Erfindergegeister" kommt durch und das gut.

Morgen gerne mehr, jetzt Bett.
El Vespertilio
So. Muße, ein wenig Ruhe, ich berichte mal etwas ausführlicher.

Erstmal zur Handlung: Die Geschichte spielt im Jahre 1891 im herbstlichen London und beginnt mit einer rasanten Droschkenfahrt seitens Dr. Watson und Inspektor Lestrange nebst einigen Beamten durchs nächtliche London. Parallel dazu eilt Holmes alleine durch die Straßen, nur um nach kurzen Augenblicken im Seiteneingang eines altehrwürdigen Gebäudes zu verschwinden. Einige Treppenstufen hinab entdeckt Holmes einen wohl wachehaltenden Schläger. Kühl analysiert er:"First point of attack, right ear. Two, throat, to muffle his scream. Three, cracked ribs. Four, sweep under right knee, fist against patella. In summary: neutralized. Chance of recovery: small." Nachdem seine Analyse abgeschlossen ist und dem Zuschauer alles in dramatischer Slowmotion vorgeführt wurde, erfolgt die Umsetzung in schnellen Schlägen, der Wachposten am Boden.

In diesen ersten Sekunden treffen dann im Keller des Gebäudes eine finstere Beschwörung beobachtend Holmes und Watson zusammen - um ihren letzten gemeinsamen Fall zu beenden: den notorischen Frauenmörder und Okkultisten Lord Blackwood festzunehmen...

Vom Inhalt möchte ich gar nicht mehr verraten. Lieber verliere ich mehr Worte zur Umsetzung. Die nächsten knappen 2 Stunden erlebt der Zuschauer eine interessante Reise angenehmem Tempos durch Sherlock Holmes London, immer wieder durchbrochen von rasanten und (meist) humorvollen Actionsequenzen. Wer hier eine übliche Guy Ritchie Gangstergeschichte mit absurden und schicksalhaften Zufällen erwartet wird enttäuscht oder überrascht sein - denn Sherlock Holmes präsentiert sich als klassischer Abenteuerfilm der sich charmant im Genre bedient, ohne dabei aber den Romanfiguren untreu zu werden. Holmes ist ein kühler Kopf, irgendwie ein ziemliches Arschloch, hat augenscheinlich ein Problem mit Frauen (zumindest der zukünftigen Watsons), setzt sich gerne selbst in Szene, wird aber auch bisweilen von seinem eigenen Intellekt behindert (zwei sehr schöne Szenen: Holmes sitzt in einem Restaurant auf Watson und seine zukünftige wartend, blickt in den Raum voller Gäste und seinem Blick entgeht nichts, alles läuft zunächst langsam ab -der Kellner der Geld einsteckt, der Oberkellner welcher einen Diener zurecht weißt ect ect ect. Die Bilder werden schnell und schneller, der Ton lauter und lauter... Holmes schüttelt wie von leichten Kopfschmerzen geplagt den Kopf, schließt die Augen. In der anderen Szene kommt Holmes einfach nicht dem Plan des Verbrechers auf die Spur, geht jede Spur durch, versucht sich in seinen Kontrahenten hineinzuversetzen...und scheint in wilder Bilderflut zu verzweifeln.), widmet sich lieber seinen Experimenten und ist ein ziemlicher Messie, der gerne zuviel trinkt (auch Dinge die er wohl besser nicht trinken sollte...Zitat Watson:"Holmes, you know that what you are drinking is ment for eyesurgery?"). Watson wiederum ist häufig recht genervt von Holmes verhalten, versucht ihn immer wieder auf den Teppich zurückzuholen und sorgt sich um Holmes Zustände, hält treu zu ihm, auch wenn ihm mehrfach der Ruhe ausstrahlende Kragen platzt. Der letzte Hauptcharakter ist Irene Adler. In Ritchies Variante eine charmante Meisterdiebin an der Holmes einen Narren gefressen hat, mit der er wohl ein Verhältnis hat, die ihm mehrfach entschlüpft ist, auch wenn er ihr immer auf den Spur ist und die mehr als nur ein doppeltes Spiel treibt.
Der Gegenspieler (oder den, den wir zu Gesicht bekommen) ist Lord Blackwood. Ein Traumbösewicht! Ein aalglatter englischer Adliger, finsterer Frauenmörder, Okkultist (der London droht sowohl in ein religiöses als auch in ein weiteres Chaos zu stürzen), Poltiker mit Großmachtsträumen und Strippenzieher vor dem Herren. Adolf Hitler mit britischer Art meets Schwarzmagier!
Holmes London stellt sich recht nüchtern dar. Keine überspitze Variante wie in "From Hell" sondern eine wohl recht akkurate Sichtweise. Klar, es ist grau und schmutzig. Aber halt nicht zu schmutzig. Klar es ist pompös und viktorianisch, aber eben auch da nicht zu sehr. Und klar es ist korrupt, aber nicht überall.
Im Film selber musste ich an mehreren Stellen arg schmunzeln. Guy Ritchie bedient sich, wie gesagt, recht frech aber charmant an diversen anderen Filmen. Unwillkürlich fühlt man sich nach einem Sprung seitens Holmes in die Themse an Indiana Jones erinnert, wenn er mit Hut und Peitsche hinter dem Uboot auftaucht, mehrfach ein wenig an James Bond, aber auch beim Dialog zwischen Lord Blackwood und Holmes im Zellentrakt an "Das Schweigen der Lämmer".
Insgesamt also ein sehenswerter Film. Einzige Wermuthstropfen meinerseits: die Charaktere hätten etwas überspitzer dargestellt werden können. In (fast) allen Guy Richtiefilmen vorher waren diese bedeutend schärfer gezeichnet, ohne dabei völlig übertrieben zu wirken. Hier wagt er bedeutend weniger. Und....ich kann Hans Zimmer nimmer hören. Der Soundtrack ist immer passend, aber: schon in Fluch der Karibik hatte ich immer Leonardo die Caprio und Musketiere vor Augen, respektive Ohren, gepaart mit terrosristischen Marines auf Alcatraz und brandstiftenden Feuerwehrmännern. Nun ist es bei seinem typischen Thema halt Jack Sparrow. Der Mann sollte sich wirklich mal ein neues Markenzeichen zurlegen.
Ich will nicht für die deutsche Synchro garantieren - das Sneak war OV.
Doc Sternau
Zitat:
rasanten Droschkenfahrt seitens Dr. Watson und Inspektor Lestrange


Der heißt im Film nicht wirklich Lestrange oder? geschockt
Weil eigentlich heißt der 'Lestrade'. smile

Ich hatte mir gestern mal den Trailer angesehen und muss sagen, dass ich als Sherlock Holmes Fan doch skeptisch bin - nicht, dass der Film nicht unterhaltsam wäre, sondern eher, dass er ein mir unpassendes Bild von Holmes zeichnet.
El Vespertilio
Äh..sorry. Da war ich mit den Gedanken kurz wo anders...

Also ich finde das Bild gar nicht soweit entfernt. Aber er kommt im Film auch etwas runder rüber als im Trailer Augenzwinkern
Kajani Rieinanjailäki
Na ja, eigentlich war Holmes fast immer der Kopfmensch, weniger der Kämpfer, was meiner Meinung nach auch seinen Reiz ausmacht (zum Thema Holmes kann ich übrigens außerhalb des Doyle-Werkes selber ganz besonders "Sherlock Holmes. Die unauthorisierte Biographie" empfehlen, worin das Leben von Homes und anderer Charakter nachgezeichnet wird, als habe er wirklich gelebt - sehr lustig geschrieben. Allerdings meint der "Biograph", die ständigen Vermuten wegen der Adler sagten mehr zu den Autoren als über Holmes etwas aus... großes Grinsen ). Der Trailer wirkt etwas sehr actiongeladen und damit doch etwas ab vom Vorbild. Wäre schade, wenn das klassische geopfert würde. Aber zum Opiumraucher haben sie ihn nicht gemacht, oder?
Yanthar
Zitat:
Der Trailer wirkt etwas sehr actiongeladen und damit doch etwas ab vom Vorbild. Wäre schade, wenn das klassische geopfert würde. Aber zum Opiumraucher haben sie ihn nicht gemacht, oder?


Auch die Geschichten von Doyle enthielten Action, allerdings wurde sie immer nur nacherzählt und nie direkt beschrieben. In der "Study in Scarlet" sagt Watson ja auch, dass Holmes ein veritabler Boxer ist und stellenweise auf Leichen eindrischt, um herauszufinden, wie nach dem Tod beigebrachte Verletzungen aussehen.

Holmes als Opiumraucher wurde bereits in "Der Seidenstrumpfmörder" mit Rupert Everett dargestellt. Und von Kokain ist es auch ekin weiter Weg zum Opium. Beides hält das Gehirn bei Laune Augenzwinkern
El Vespertilio
Nein. Der Film enthält zwar Aktionszenen, ist aber kein Aktionfilm. Streng genommen wären es: der Kampf zu Beginn gegen einige Straßenschläger, ein Bareknuckleboxfight, ein weiterer Kampf mit einer Gruppe von Schlägern und das Finale. Klar wirkt der Trailer das "reißerischer", aber der Film spricht für sich selber.

Holmes scheint zumindest experimentierfreudig was Substanzen und seinen Körper angeht. Und in der großen Verzweiflungsszene bin ich mir nicht ganz sicher gewesen ob ein Bild zur Gegenwart oder zur Vergangenheit gehört. Falls ersteres würde ich auf Heroin tippen, falls letzteres auf gar nichts.
Doc Sternau
Zitat:
Original von Kajani Rieinanjailäki
Na ja, eigentlich war Holmes fast immer der Kopfmensch, weniger der Kämpfer, was meiner Meinung nach auch seinen Reiz ausmacht


Das täuscht. Holmes ist ein sehr begabter Boxer und Meisterschütze mit der Pistole, was er auch in diversen seiner Abenteuer zur Schau stellt. Allerdings hat Doyle natürlich für unsere Verhältnisse einen recht antiquierten Schreibstil (zumal ja ohnehin alles aus Watsons Rückblick beschrieben wird). Dadurch wirkt die Action häufig sehr langsam. smile

Zitat:
Aber zum Opiumraucher haben sie ihn nicht gemacht, oder?


Da finde ich es eher schlimm, dass sie ihn wohl zum Alkoholiker gemacht haben. Dass Holmes Opium in diversen Formen zu sich nimmt, ist nämlich auch Original. Allerdings tut er das eigentlich nur zwischen seinen Abenteuern, wenn sein Gehirn nicht durch interessante Probleme beansprucht wird - in den Perioden erinnert er sehr stark an einen Menschen mit heftigen Depressionen und haut sich die Birne mit allen möglichen Drogen zu.
El Vespertilio
Zitat:
Original von Doc Sternau
Zitat:
Original von Kajani Rieinanjailäki
Na ja, eigentlich war Holmes fast immer der Kopfmensch, weniger der Kämpfer, was meiner Meinung nach auch seinen Reiz ausmacht


Das täuscht. Holmes ist ein sehr begabter Boxer und Meisterschütze mit der Pistole, was er auch in diversen seiner Abenteuer zur Schau stellt. Allerdings hat Doyle natürlich für unsere Verhältnisse einen recht antiquierten Schreibstil (zumal ja ohnehin alles aus Watsons Rückblick beschrieben wird). Dadurch wirkt die Action häufig sehr langsam. smile

Zitat:
Aber zum Opiumraucher haben sie ihn nicht gemacht, oder?


Da finde ich es eher schlimm, dass sie ihn wohl zum Alkoholiker gemacht haben. Dass Holmes Opium in diversen Formen zu sich nimmt, ist nämlich auch Original. Allerdings tut er das eigentlich nur zwischen seinen Abenteuern, wenn sein Gehirn nicht durch interessante Probleme beansprucht wird - in den Perioden erinnert er sehr stark an einen Menschen mit heftigen Depressionen und haut sich die Birne mit allen möglichen Drogen zu.


Ne, zum Trinker haben sie ihn auch nicht gemacht. Es wird eg nie gezeigt das er irgendwas zu sich nimmt, er wirkt aber zwischen Opener und eg Handlung etwas...drauf....und später auch noch einmal.

EDIT: In seiner "Verzweiflungssequenz" wird gezeigt wie etwas unter Bunsenbrenner in einem Löffel aufgelöst wird. Ich weiß nur nicht ob es zu einer gedanklichen Rückblende Holmes gehört in der er versucht die Experimente von Blackwoods Schergen nachzumachen oder ob es auf Drogenmissbrauch hindeuten soll. Ich guck ihn aber nächste Woche noch mal auf Deutsch.
El Vespertilio
Zitat:
Original von El Vespertilio
EDIT: In seiner "Verzweiflungssequenz" wird gezeigt wie etwas unter Bunsenbrenner in einem Löffel aufgelöst wird. Ich weiß nur nicht ob es zu einer gedanklichen Rückblende Holmes gehört in der er versucht die Experimente von Blackwoods Schergen nachzumachen oder ob es auf Drogenmissbrauch hindeuten soll. Ich guck ihn aber nächste Woche noch mal auf Deutsch.


Gut die Szene hab ich mir eingebildet. Aber sei Rausch ist schon ziemlich heftig und geht mit Halluzinationen einher. Also lässt sich auf Absinth oder Laudanum tippen.